Ist die Werbung schuld?
Zwei aktuelle Studien untersuchen, wie Werbung das Ess- und Trinkverhalten beeinflusst
Ungünstige Essgewohnheiten, immer mehr „dicke“ Kinder und übergewichtige
Jugendliche – der schwarze Peter dafür wird immer wieder der Lebensmittelwerbung
zugeschoben. Doch ist das tatsächlich der Fall? Ist die Werbung schuld,
wenn Kinder und Jugendliche das Falsche essen, „dicker“ und krank werden?
Behauptung 1: „Lebensmittelwerbung ist vor
allem TV-Werbung“
Richtig! Kinder
nehmen Werbung vor allem als TV-Werbung wahr. Und ihre Wahrnehmung stimmt
mit den Ausgaben der Hersteller überein: Im Jahr 2002 flossen zum
Beispiel 91 Prozent der Werbeausgaben der Süßwaren- und Schokoladenherste
l ler in die TV-Werbung.
Behauptung
2: „Kinder und Jugendliche sehen immer mehr
fern“
Nicht richtig! Während die
sichtbaren Ernährungsprobleme
von Kindern und Jugendlichen in den letzten 10 Jahren zugenommen haben,
ist die tägliche Fernsehdauer der 3- bis 13-jährigen konstant
geblieben. Sie liegt zwischen 60 und 120 Minuten täglich. Anders sieht
es bei Erwachsenen aus: Die ältere Generation sieht immer länger
fern. Sie trägt maßgeblich dazu bei, dass die Fernsehdauer der
Jugendlichen ab 14 Jahren und der Erwachsenen von 2 Stunden und 32 Minuten
Ender der 80er Jahre auf inzwischen 3 Stunden und 37 Minuten im Jahr 2003
gestiegen ist.
Behauptung 3: „Kinder und Jugendliche gucken
die ‚Privaten'“
Das
kommt auf die Altersgruppe an! Während die 6- bis 13-jährigen
noch viel öffentlich-rechtliches Fernsehen schauen, bevorzugen die
Jugendlichen tatsächlich die privaten Fernsehsender:
52 % der 6- bis 13-jährigen geben den Kinderkanal KIKA als ihren
Lieblingssender an. Auf Platz 2 der Beliebtheitsskala rangiert RTL (Lieblingssender
von 43 Prozent der Kids), auf Platz 3 folgt Super RTL (die Nummer 1 bei
39 Prozent in dieser Altersgruppe). Immerhin 25 Prozent nennen ARD und
22 Prozent ZDF als ihren Lieblingssender.
Das heißt
aber nicht, dass die Kinder diese Sender auch tatsächlich so gucken.
Tatsächlich schauen sie noch mehr öffentlich-rechtliches und
damit werbungsarmes Fernsehen, als sie favorisieren. Hier bestimmen offensichtlich
die Eltern bei der Programmwahl kräftig mit.
Jugendliche stehen klar auf Privatfernsehen, öffentlich-rechtliches
Fernsehen scheint eher „uncool“ zu sein: 42 % der 11-bis 18-jährigen
glotzen am liebsten PRO7, RTL liegt bei 23 Prozent auf dem ersten und
bei 27 Prozent auf dem zweiten Platz, Rang 3 belegt RTL 2. Die „Öffentlich-Rechtlichen“ Sender
ARD und ZDF rangieren in der Beliebtheit weit hinten, die dritten Programme
spielen überhaupt keine Rolle.
Jugendliche sehen also rein theoretisch viel mehr Werbung als Kinder. Nun
ist aber gerade die Gruppe der Jugendlichen die Altersgruppe, die relativ
wenig fernsieht. Zehn- bis 13-jährige und über 19-jährige
hängen im Durchschnitt täglich länger vor der Glotze als
die 14- bis 19-jährigen.
Behauptung 5: „Fernsehen macht dick!“
Stimmt nicht sicher. In vielen
Studien geht die tägliche Fernsehdauer mit der Häufigkeit von Übergewicht
bei Kindern und Jugendlichen einher. Fünf Stunden Fernsehen am Tag
steigert das Risiko für schweres Übergewicht auf mehr als das
Vierfache, heißt es in einer Untersuchung. Der Giessener
Medienpsychologe Joerg M. Diehl hat herausgefunden, dass Jugendliche im
Alter von 11 bis 18 Jahren, die mehr fernsehen, die im TV beworbenen Produkte
(vor allem süße und salzige Snacks, Fast Food) deutlich häufiger
verzehren. Allerdings waren die „Vielgucker“ in seiner Studie nicht dicker
als die „Weniggucker“. Und untergewichtige Kinder aßen die beworbenen
Snacks genauso häufig, wenn sie genauso lange vor der Glotze hockten.
Behauptung 6: „Im Fernsehen wird vor allem für
ungesunde Lebensmittel geworben.“
Stimmt. TV-Werbung
ist zu einem beträchtlichen Anteil Food-Werbung. In Zeiten, in denen
Kinder fernsehen, wird vor allem für süße und salzige Snacks,
die man spontan verzehren kann, für Fast Food und für Cerealien
(Frühstücks-Getreideprodukte) geworben.
Allerdings stellen die
Hersteller ihre Produkte nicht als einander ergänzende
Lebensmittel im Rahmen einer gesunden Ernährung dar. Sie bewerben ihr Produkt,
das häufig sogar in Konkurrenz zu den anderen Produkten zur gleichen
Sendezeit steht.
Behauptung
7: „Kinder und Jugendliche glauben alles,
was sie in der Werbung sehen.“
Stimmt zumindest nicht bei älteren Kindern
oder Jugendlichen
Diehl hat herausgefunden, dass die 11-
bis 18-jährigen der TV-Werbung für Lebensmittel eher skeptisch
bis misstrauisch gegenüber stehen. Er glaubt, dass die beworbenen
Lebensmittel von den Jugendlichen nicht als unverzichtbarer Bestandteil
einer gesunden Ernährung, sondern als Genussmittel angesehen und
als solches gekauft und verzehrt werden.

Auch
die Autoren der aktuellen Studie
SOFIA „Lebensmittelwerbung für
Kinderprodukte“ ,
in der es um das Konsumverhalten der 3- bis 13-jährigen geht, schreiben: „Kinder
scheinen in ihrem Konsumdenken und -verhalten offenbar mehr von den Eltern
und im Hinblick auf ihre Marken-Orientierung mehr von anderen Kindern
und Jugendlichen als vom Werbefernsehen beeinflusst zu werden.“
Ärgerlich:
Ernährungswissen in der Werbung
ist nicht aktuell
Ärgerlich finden die Autoren der SOFIA-Studie allerdings,
dass die in der TV-Werbung vermittelten Ernährungsinhalte nicht dem
aktuellen Stand des Wissens entsprechen. Das heißt, die Hersteller
greifen einfache Denkmuster wie „Getreide ist gesund“ auf, um Snack-Produkte,
zum Beispiel getreidehaltige Süßigkeiten in einem gesünderen
Licht zu präsentieren.
Werbung
für spezielle Kinderprodukte wird häufig gar nicht in erster
Linie an die Kinder adressiert, sondern an ihre Eltern. Das Produkt
wird mit Gesundheits-Symbolen (viel Milch, Getreide, Obst, viele Vitamine,
fettarm) in Zusammenhang gebracht, um den Eltern zu suggerieren, dass
sie „das Beste“ für ihr Kind tun, wenn sie dieses Produkt kaufen. „Der
Zuckeranteil wird verschleiert, der Milchanteil überbewertet,
die Energiedichte (= der Kaloriengehalt pro 100 Gramm Lebensmittel,
Anm. der Autorin) schlichtweg verschwiegen…“, beklagen die Autoren.
Sie fordern deshalb, dass Kinder-Produkte sich zertifizieren lassen
müssten. Das hieße, nur wenn sie nach anerkannten wissenschaftlichen
Kriterien auch wirklich einen Beitrag zu einer ausgewogenen Ernährung
leisteten, dürften sie als solche beworben werden.
Weitere Informationen für Referate und Projekttage über Essgewohnheiten
oder wie du falschen und irreführenden Werbeaussagen auf die Schliche
kommst, findest du hier:
Text: Stephanie Wetzel, Berlin (Juli 2005)
Bildquellen: www.photocase.de, www.aid.de und C.Meinhold
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