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Ess-Störungen: Erkennen und helfen

Die Pubertät ist die Zeit im Leben eines Jugendlichen, in der das Körperbewusstsein stark wächst. Mit dem Wunsch, dem anderen Geschlecht zu gefallen, steigt auch die Selbstbeobachtung und Selbstkritik. Dabei sind die Ausgangsvoraussetzungen sehr unterschiedlich: Ein Teil der Jugendlichen ist übergewichtig – mittlerweile jedes 5. Kind und jeder 3. Jugendliche, 7 bis 8 Prozent der Kinder sind sogar adipös (WHO MONICA-Projekt 2001). Untergewicht wird weniger beachtet, ist aber mindestens ebenso bedeutsam: 8 Prozent der Jugendlichen liegen um mindestens 15 Prozent unter ihrem Normalgewicht – ein ernsthaftes Anzeichen für eine Ess-Störung.

Nicht nur übergewichtige Jugendliche sind geprägt von dem Wunsch, Gewicht abzubauen und damit in Gefahr ein riskantes Verhältnis zum Essen aufzubauen. Fasten, strenge Diäten, das Weglassen von Mahlzeiten sind ebenfalls bei Normalgewichtigen zu finden. Es ist erschreckend, dass immer mehr Jugendliche mit ihrem Aussehen und ihrer Figur unzufrieden sind und sich für zu dick halten, obwohl sie es sehr häufig nicht sind. So berichtet der Jugendgesundheitssurvey 2003, dass 12 Prozent der 11- bis 15-jährigen Jungen und 17 Prozent der 11- bis 15-jährigen Mädchen eine Diät mit dem Ziel der Gewichtsreduktion durchführen bzw. durchgeführt haben. Nach dem Ernährungsbericht 2000 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung haben bereits 18 Prozent der weiblichen und 5 Prozent der männlichen 12- bis 17-jährigen Jugendlichen mindestens eine Diät gemacht. Etwa 8 Prozent der Mädchen halten sich trotz Untergewicht für zu dick.

Die Kehrseite des „Schlankheitswahns“, äußert sich häufig in Ess-Störungen. Ess-Störungen sind psychische Störungen, die sich besonders bei Mädchen und jungen Frauen, aber immer häufiger auch bei Männern, zeigen. Für die Betroffenen ist das lebensnotwendige „Essen“ ein erhebliches psychosomatisches Problem geworden, oft mit körperlichen, psychischen und sozialen Konsequenzen. Essgestörte benutzen die Aufnahme von oder den Verzicht auf Nahrung dazu, Gefühle zu unterdrücken oder Konflikte zu vermeiden. Experten gehen davon aus, dass für die Entstehung einer Ess-Störung viele verschiedene Ursachen verantwortlich sind. Zu den Ess-Störungen zählen die Magersucht (Anorexia nervosa), die Bulimie (Bulimia nervosa, Ess-Brech-Sucht) und die Ess-Sucht (Binge eating disorder). Die Abgrenzung ist schwierig, da die Übergänge fließend sind. So kann eine Patientin mit Magersucht auch Essattacken haben. Nicht selten entwickelt sich dann aus der Magersucht eine Ess-Brech-Sucht. Im Vordergrund einer Behandlung steht die psychotherapeutische Betreuung. Eine Ernährungsberatung ist zwar notwendig aber keinesfalls ausreichend, da die Probleme der Betroffenen in erster Linie in ihrer Einstellung zum eigenen Körpergewicht begründet sind. Ziel der Therapie ist das Neuerlernen eines normalen Essverhaltens sowie die Akzeptanz des eigenen Körpers.

1. Magersucht
Die Magersucht (Anorexia nervosa) ist die bekannteste und auffälligste Ess-Störung. Sie tritt besonders häufig bei jungen Mädchen auf und beginnt oft mit der Pubertät. Magersüchtig sind in der Altersgruppe der 14- bis 19-jährigen Mädchen 1,1 Prozent. Sie haben durch extremes Hungern ein deutliches Untergewicht – oft 25 Prozent und mehr unter dem Normalgewicht. Sie essen wenig oder gar nichts, nehmen nicht mehr an gemeinsamen Mahlzeiten teil und treiben häufig exzessiv Sport. Auch wenn der Körper längst abgemagert ist, leiden sie weiterhin unter der Angst, „zu dick“ zu sein. Der Tagesablauf von Magersüchtigen ist oft bis auf die Minute durchgeplant und auch winzige Mahlzeiten werden kontrolliert. Die Betroffenen isolieren sich mehr und mehr von ihren Freunden und Schulkameraden und ziehen sich in ihre eigene Welt zurück. Sie sind stolz darauf, dass sie sich so gut "unter Kontrolle" haben und entwickeln aus diesem Bewusstsein heraus häufig ein regelrechtes Hochgefühl. In besonders schweren Fällen kann Magersucht mit dem Tod enden.

2. Bulimie (Ess-Brech-Sucht)
Menschen, die an Bulimie leiden, schwanken meist zwischen zwei Extremen: entweder sie halten strikte Diät oder sie haben Heißhungerattacken, bei denen sie riesige Mengen an Nahrungsmitteln verschlingen (durchschnittlich 3.000 bis 4.000 kcal innerhalb von Minuten bis zu einer Stunde, in Extremfällen sogar 10.000 kcal und mehr). Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung ist von Bulimie betroffen, etwa 2 Prozent der Mädchen zwischen 14 bis 19 Jahren. Weil sie panische Angst davor haben, „dick“ zu werden, erbrechen sich Ess-Brech-Süchtige anschließend oder schlucken Abführmittel und Entwässerungspillen. Bulimie ist meist eine heimliche Krankheit, die Betroffenen leben nach außen hin angepasst. Sie leiden jedoch unter heftigen Schuld- und Schamgefühlen, die zu Depressionen und sogar Selbstmordgedanken führen können. Bulimiker haben meist Normalgewicht, jedoch mit starken Gewichtsschwankungen, häufig gepaart mit einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers. Wenn Bulimie länger andauert, können schwere, zum Teil sogar lebensbedrohliche Gesundheitsschäden entstehen, wie z. B. Entzündung und Verletzung der Speiseröhre, Schädigung des Zahnschmelzes, Herz-Rhythmus-Störungen, Muskellähmungen, Nierenversagen sowie epileptische Anfälle.

3. “Binge Eating” (Ess-Sucht)
Bei Binge Eating kommt es - ähnlich wie bei Bulimie - immer wieder zu regelrechten Fressattacken. Allerdings führen die Betroffenen keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen wie Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch durch. Ess-Süchtige haben das Gefühl für die Grenzen der körperlichen Sättigung völlig verloren. Sie essen häufig nicht nur zuviel, sondern auch falsch, d. h. sehr fett- und zuckerhaltig. Dadurch kommt es zu einer Vermehrung des Fettgewebes und in der Folge zu Übergewicht. Binge Eating kann eine Vorstufe zur Bulimie sein. Es ist zu diesem Zeitpunkt nicht eindeutig zu klären, ob BED als neue diagnostische Kategorie zählt oder als Unterkategorie von Übergewicht anzusehen ist. Experten schätzen, dass 10 bis 20 Prozent der Übergewichtigen an BED leiden.

4. Latente Ess-Sucht
Latente Ess-Sucht begünstigt den Einstieg in andere Ess-Störungen. Betroffene wechseln ständig zwischen Zuviel-Essen und Diät-halten, haben innerhalb kurzer Zeit große Gewichtschwankungen (Jo-Jo-Effekt) und können nicht mehr entspannt genießen.


Das Thema im Unterricht
Die Behandlung des Themas „Ess-Störungen“ im Unterricht ist sinnvoll aber sicherlich schwierig. Es wird kaum gelingen, Diätverhalten abzubauen oder Vorurteile gegenüber den dicken Menschen zu zerstreuen, trotzdem sollten Jugendliche informiert sein und wissen, dass es Erwachsene gibt, die das Schlankheitsideal differenziert sehen. Für Jugendlichen, die an einer Ess-Störung leiden, ist es wichtig, zu erfahren, dass es Menschen gibt, die ihre Probleme kennen, sie ernst nehmen und ihnen professionelle Hilfe anbieten. Durch eine Recherche zum Thema Ess-Störungen können betroffene Jugendliche Hinweise auf Hilfsangebote erhalten, ohne sich persönlich offenbaren zu müssen.

Nehmen Sie den Verdacht auf eine Ess-Störung ernst. In einem persönlichen Gespräch sollten Sie zeigen, dass Sie die Verhaltensänderung bemerken und eine Ess-Störung vermuten. Zielen Sie in einem solchen Gespräch nicht nur auf die Gewichtsveränderung ab. Die oder der Betroffene reduziert sich selbst auf ein Gewichtsproblem - eine Sichtweise, die nicht unterstützt werden sollte. Auch wenn die oder der Jugendliche zunächst ablehnend reagiert, kann ein solches Gespräch das entscheidende Signal sein, Hilfe zu suchen. Verweisen sie in jedem Fall auf konkrete Hilfsangebote. In den meisten Fällen werden die Jugendlichen ausweichend oder ablehnend reagieren. Zeigen sie Verständnis und machen sie deutlich, dass sie weiterhin gesprächsbereit sind. Kommt es zu einem offenen Gespräch, sollten sie mit Ratschlägen zurückhaltend sein. Weisen sie stattdessen auf die Notwendigkeit psychotherapeutischer Beratung und Behandlung hin. Machen sie die Jugendlichen auch darauf aufmerksam, wie wichtig ärztliche Betreuung ist.



Hilfe und Information:

Schlankheitsideal - Baustein für den Projektunterricht

Der Baustein „Schlankheitsideal“ gibt Ihnen Hilfen und Anregungen für den projektorientierten Unterricht und für die Gestaltung von Projektwochen.
Enthalten sind z. B. Hintergrundinformationen, Schülerarbeitsblätter, Projektskizze
zu bestellen unter www.aid.de für 5,00 € zzgl. Versandkosten.







Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

51101 Köln
www.bzga-essstoerungen.de

kostenlose BZgA-Broschüren:

  • Essstörungen – Bulimie, Magersucht, Esssucht, Bestell-Nr.: 35231002
  • Essstörungen- Leitfaden für Eltern, Angehörige, Partner, Freunde, Lehrer und Kollegen, Bestell-Nr.: 35231400

ANAD Selbsthilfe Anorexia nervosa
Bulimia nervosa e.V.
Rotmannstr. 5
80333 München
Tel.: 089/523 66 33
www.anad.de

Dick und Dünn
Beratungszentrum bei Ess-Störungen
Innsbrucker St. 25
10825 Berlin
Tel.: 030/854 49 94
www.dick-und-duenn-berlin.de