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Talking Food

Ist da auch kein Schweinefleisch drin?
Kulturelle Vielfalt als Thema in der Ernährungserziehung

Türkische Pizza (Foto: photocase.com)„Was sind denn Blinis1?” „Ist da auch kein Schweinefleisch drin?” „Wir essen Fladenbrot mit Schafskäse und Tomate zum Frühstück.” Unterschiedliche (Ess-)kulturen treffen in der Schule jeden Tag aufeinander. Sie im Rahmen der Ernährungserziehung zu thematisieren, bietet Raum für spannende Erfahrungen und fördert das Verständnis füreinander.


„Multikulti” ist täglich Thema in der Schule: Bundesweit lagen die Anteile ausländischer Schüler im Schuljahr 2003/2004 in Grundschulen bei 11,7 Prozent, an Hauptschulen bei 18,6 Prozent und an Gymnasien bei 4 Prozent. Die Tendenz ist in allen Schulformen steigend. An 38 Berliner Schulen beträgt der Anteil der Schüler nichtdeutscher Herkunft 80 Prozent.

„Warum is(s)t der so anders?”
Bei großer kultureller Vielfalt werden die Schüler jeden Tag mit der Esskultur der jeweils anderen konfrontiert: Was isst der denn? Warum isst der oder die etwas Bestimmtes nicht? Das Anderssein skeptisch beäugen oder voneinander abrücken wird auch im Bereich von Essen und Trinken gelebt. Ist der andere nicht komisch oder doof, weil er oder sie auf etwas Bestimmtes beim Essen Wert legt?
Umgekehrt kann über ein Kennenlernen der anderen Esskultur das Verständnis und der Respekt für das andere geweckt werden.

Ernährungserziehung als Toleranz-Schule
Kinder beim Unterricht (Foto: aid)Ernährungserziehung kann sich diesen natürlichen Fragen der Schüler stellen und so einen Beitrag zum respektvollen Umgang mit der anderen (Ess-)kultur leisten. Sie kann zu einer größeren Offenheit gegenüber dem Neuen, Unbekannten beitragen. Sie kann sogar Spaß am anderen, Fremden vermitteln. Wie das geht, sollen einige Ideen für den alltagsnahen Unterricht zum Thema „Die andere Esskultur kennen lernen” zeigen:

 

  1. Esssituation im Alltag
  2. Kinder beim Essen (Foto: aid)Die Schüler erfinden Sketche, in denen sie typische Esssituationen aus dem Elternhaus nachspielen: Wo wird gegessen? Auf Stühlen, auf Kissen? Wer isst mit wem? Wie sind die Benimmregeln bei Tisch? Wer nimmt zuerst? Darf mit den Händen gegessen werden? Wird gesprochen? Wird zum Essen getrunken?    
        
    Die Schüler bereiten einfache Gerichte aus dem jeweiligen Land zu und verspeisen sie in einer traditionellen Esssituation. Sie zeichnen ihren Sketch auf Video auf und spielen die Videos bei einem Schulfest ab.
            

  3. Lebensmittelauswahl
  4. Passionsfrucht (Foto: DAK)Die Schüler sammeln typische Lebensmittel aus einer bestimmten Esskultur. Sie ordnen sie den Mahlzeiten zu: Was wird zu welcher Tageszeit gegessen und getrunken? Sie erweitern ihr Wissen über andere Speisen durch das Lesen in Kochbüchern. Sie schlagen ihnen unbekannte Zutaten in Lexika nach. Sie befragen Mitschüler zu unbekannten Zutaten.
    Sie besuchen Eltern, die einen Imbiss, ein Lebensmittelgeschäft oder ein Restaurant betreiben und lassen sich die Zutaten und Gerichte der jeweiligen Landesküche vorstellen.
    Sie ordnen bestimmte Gerichte bestimmten Ländern zu. Sie beziehen dabei ihr Wissen aus Urlaubsreisen ein.

     

  5. Feste feiern
    Sie lassen sich von Mitschülern das Feiern von Festen in der jeweiligen Kultur erklären. Sie lesen Geschichten über diese Feste. Sie planen ein Klassenfest nach den Regeln der anderen Kultur. Sie bereiten alles vor, was dafür nötig ist: Kostüme, Schminke, Speisen, Essutensilien, Geschichten, Lieder, Musik.


  6. Meisfladen (Foto: aid)Lieblingsspeisen
    Schüler erzählen von ihren Lieblingsspeisen, die Klasse bereitet diese Lieblingsspeisen zu. Sie werden auf einem Schulbasar den Eltern und anderen Schülern verkauft.
    Die Klasse erstellt ein Kochbuch mit Bildern von den beliebtesten Rezepten und schreibt Erläuterungen zu den Zutaten, damit sie jeder versteht.
  7.  

  8. Religiöse Tabus
    Von den weltweit 1,2 Milliarden Muslimen leben immerhin über drei Millionen in Deutschland. Ein sehr konsequent gelebtes religiöses Tabu unter Moslems ist der Verzicht auf Schweinefleisch. Schule muss sich diesem Thema oft gezwungenermaßen stellen: Eltern möchten ihre Kinder nicht am Schulessen teilnehmen lassen, weil sie befürchten, in der Schulküche werde unsensibel mit dieser Regel umgegangen. Kinder möchten Speisen ihrer Mitschüler nicht probieren, aus Sorge, damit etwas in ihrer Kultur Verbotenes zu essen. Die Schule muss das Thema also aufgreifen, wenn sie eine Gemeinschaft von allen Schülern, Eltern und Lehrern sein möchte.

Nach muslimischer Tradition muss Fleisch außerdem „geschächtet” werden, das heißt, das Tier muss so geschlachtet werden, dass es möglichst vollständig ausblutet. Schächten ist in Deutschland normalerweise verboten. Bestimmten Metzgern ist es mit Ausnahmegenehmigung erlaubt, um das Grundrecht der Religionsfreiheit in Deutschland zu gewährleisten.

Tabus als spannende Erfahrung
Aber auch hier bieten sich Aktionen an, die diese beiden religiösen Tabus vermitteln:
Die Schüler besuchen eine moslemische Gemeinde und lassen sich die Hintergründe für diese Esstabus erklären.
ALT-Tag: Etikett Lasagne Bolognese (Foto:aid)Tabu „Schweinefleisch”: Sie orientieren sich im Supermarkt, in welchen Produkten Zutaten vom Schwein enthalten sind und welche dann wegfallen. Sie denken über Alternativen nach.
Tabu „Übliches Schlachten in Deutschland”: Sie besuchen einen moslemischen Metzger und lassen sich das Schlachtverfahren erläutern. Sie beschäftigen sich mit der Tierschlachtung auf verschiedene Weisen und den Folgen für das Tier, zum Beispiel mit Hilfe von Filmen. Sie entwickeln selbst eine Position gegenüber dem Schlachten von Tieren und dem Verzehr verschiedener Fleischarten.


6.  Fasten und andere saisonale Rituale
Krug mit Wasser (Foto: Photocase)In der moslemischen, aber auch in der christlichen Tradition ist das saisonale Fasten ein fester Bestandteil der Kultur. Die Schüler setzen sich mit dem Thema Nahrungsverzicht und den verschiedensten Hintergründen dafür auseinander (religiöse Motive, gesundheitliche Gründe, Schönheits-Ideal). Sie grenzen die unterschiedlichen Formen des Fastens voneinander ab. Sie spielen ein Fasten aus religiösen Motiven einmal für sich durch. Sie setzen sich mit dem tieferen Sinn eines solchen Fastens auseinander. Sie beschäftigen sich mit dem Wert der Nahrung und bestimmter Lebensmittel (zum Beispiel Fleisch, Alkohol) in den Kulturen und für sich persönlich.

Ernährungserziehung als Persönlichkeitstraining
Die Auseinandersetzung mit den Esskulturen anderer Länder kann auf diese Weise sogar einen Beitrag zur Persönlichkeitsformung leisten. Denn die Schüler müssen sich mit Fremdem beschäftigen und sind gezwungen, für sich eine Position zu beziehen.
Schule muss nicht mehr tun, als zu fördern, dass Schüler die Erfahrung des jeweils anderen am eigenen Leib erleben…
Einige Ideen und Arbeitsblätter für die Beschäftigung mit dem Thema „Fremde Esskultur” liefert der gemeinsam herausgegebene Ordner des aid infodienstes mit dem Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg (MLR) „Esspedition Schule. Materialien zur Ernährung Klasse 1-6”.

Esspedition Schule

Esspedition Schule

Food News: Esskulturen

Food News: Esskulturen

 

Text: Stephanie Wetzel, Berlin (Oktober 2005)

(Bilder: www.aid.de, www.dak.de, www.photocase.com)

1Blinis: kleine Eierkuchen aus Weizen- oder Buchweizenmehl, die mit herzhaften Füllungen oder Beilagen gegessen werden; Gericht aus Russland